Arbeitskreis Frauentag Westerwald

Altersarmut von Frauen vermeiden

Archiv für den Monat “März, 2013”

Späte Einsicht…..?

Im Nachhinein betrachtet würde die 69 jährige Renate vieles anders machen. Besonders im Hinblick auf ihre Rente. Ende des Monats gibt es oft nur Schnippelkartoffeln und Schmalzbrote. Friseurbesuche, Kino oder die Fahrt zum Klassentreffen nach Frankfurt sind unerschwinglich geworden. In ihrem Leben hat es viele Höhen und Tiefen gegeben. Aber dass sie aus dem jetzigen Tief herauskommt, scheint ihr aussichtslos.

Mit 17 hatte sie den Fernfahrer Willi geheiratet, weil ein Kind unterwegs war. Die Ausbildung zur Verkäuferin konnte sie mit Hilfe der Oma, die den kleinen Norbert beaufsichtigte, zu Ende bringen.
Bald war schon das nächste Kind unterwegs. Mit 20 hatte sie dann drei kleine Kinder und war ständig überfordert.
Die Oma half und Renate arbeitete eher aus Gründen, mal aus dem Kleinkindergeschrei heraus zukommen, stundenweise bei ihrer alten Firma; ohne Steuerkarte, denn versichert war sie ja bei Willi und an ihre Rente dachte sie mit 25 nicht, mit 35 auch noch nicht.
Eine Steuerkarte brauchte sie erst später, als Willi einen schweren Verkehrsunfall hatte und lange im Krankenhaus lag.
Aus der nachfolgenden Reha kam er nur nach Hause, um seine Sachen abzuholen. Er hatte eine andere Frau kennen gelernt und war gleich bei ihr eingezogen.
Renate stand nun nach 30 Jahren Ehe allein da und musste sehen wie sie klar kam.
Sie zog zu ihrem kranken Vater in sein kleines Reihenhaus. Das war praktischer, denn der Vater, fast blind, wurde immer unselbständiger. Die Möbel wurden an die Kinder verteilt, die nach und nach ausgezogen waren.
Nachdem einige Jahre später der Betrieb, in dem sie arbeitete, aus Kostengründen geschlossen wurde, ging sie in die Arbeitslosigkeit. Nun hatte sie Zeit, den Vater zu pflegen.
Aus der Pflegekasse wurden jetzt die Beiträge zur Rentenversicherung bezahlt. Als der Vater verstarb, war Renate 59. Mit seinen Ersparnissen bestritt sie die Haus- und Lebenskosten bis sie mit 60 in Rente ging.
Willi hatte bei der Scheidung zwar keinen Unterhalt bezahlen, aber Rentenpunkte an sie abtreten müssen.
Die Ernüchterung kam mit der ersten Rentenzahlung. Kindererziehungszeiten, Arbeitszeit mit Steuerkarte und Pflegezeit für den Vater brachten lediglich 650 Euro.
Damit muss sie nun auskommen, obwohl das Geld bei den steigenden Kosten kaum zum Leben reicht.
Die Aussicht, dass die Renten der Frauen, die Kinder vor 1992 geboren haben, um jeweils zwei Rentenpunkte angehoben werden, macht Renate jetzt Hoffnung.
Ihrer Tochter, die inzwischen auch als Singlefrau lebt, kann sie nur raten, weitsichtiger ihren Lebensabend zu planen.

© Marlies Becker

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift „Jahresringe“ 1/2013. Wir danken der Redaktion für die Genehmigung des Abdrucks.

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