Arbeitskreis Frauentag Westerwald

Altersarmut von Frauen vermeiden

Späte Einsicht…..?

Im Nachhinein betrachtet würde die 69 jährige Renate vieles anders machen. Besonders im Hinblick auf ihre Rente. Ende des Monats gibt es oft nur Schnippelkartoffeln und Schmalzbrote. Friseurbesuche, Kino oder die Fahrt zum Klassentreffen nach Frankfurt sind unerschwinglich geworden. In ihrem Leben hat es viele Höhen und Tiefen gegeben. Aber dass sie aus dem jetzigen Tief herauskommt, scheint ihr aussichtslos.

Mit 17 hatte sie den Fernfahrer Willi geheiratet, weil ein Kind unterwegs war. Die Ausbildung zur Verkäuferin konnte sie mit Hilfe der Oma, die den kleinen Norbert beaufsichtigte, zu Ende bringen.
Bald war schon das nächste Kind unterwegs. Mit 20 hatte sie dann drei kleine Kinder und war ständig überfordert.
Die Oma half und Renate arbeitete eher aus Gründen, mal aus dem Kleinkindergeschrei heraus zukommen, stundenweise bei ihrer alten Firma; ohne Steuerkarte, denn versichert war sie ja bei Willi und an ihre Rente dachte sie mit 25 nicht, mit 35 auch noch nicht.
Eine Steuerkarte brauchte sie erst später, als Willi einen schweren Verkehrsunfall hatte und lange im Krankenhaus lag.
Aus der nachfolgenden Reha kam er nur nach Hause, um seine Sachen abzuholen. Er hatte eine andere Frau kennen gelernt und war gleich bei ihr eingezogen.
Renate stand nun nach 30 Jahren Ehe allein da und musste sehen wie sie klar kam.
Sie zog zu ihrem kranken Vater in sein kleines Reihenhaus. Das war praktischer, denn der Vater, fast blind, wurde immer unselbständiger. Die Möbel wurden an die Kinder verteilt, die nach und nach ausgezogen waren.
Nachdem einige Jahre später der Betrieb, in dem sie arbeitete, aus Kostengründen geschlossen wurde, ging sie in die Arbeitslosigkeit. Nun hatte sie Zeit, den Vater zu pflegen.
Aus der Pflegekasse wurden jetzt die Beiträge zur Rentenversicherung bezahlt. Als der Vater verstarb, war Renate 59. Mit seinen Ersparnissen bestritt sie die Haus- und Lebenskosten bis sie mit 60 in Rente ging.
Willi hatte bei der Scheidung zwar keinen Unterhalt bezahlen, aber Rentenpunkte an sie abtreten müssen.
Die Ernüchterung kam mit der ersten Rentenzahlung. Kindererziehungszeiten, Arbeitszeit mit Steuerkarte und Pflegezeit für den Vater brachten lediglich 650 Euro.
Damit muss sie nun auskommen, obwohl das Geld bei den steigenden Kosten kaum zum Leben reicht.
Die Aussicht, dass die Renten der Frauen, die Kinder vor 1992 geboren haben, um jeweils zwei Rentenpunkte angehoben werden, macht Renate jetzt Hoffnung.
Ihrer Tochter, die inzwischen auch als Singlefrau lebt, kann sie nur raten, weitsichtiger ihren Lebensabend zu planen.

© Marlies Becker

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift „Jahresringe“ 1/2013. Wir danken der Redaktion für die Genehmigung des Abdrucks.

Einladung

In der diesjährigen Veranstaltung am 8. März wollen wir aus ihren Beiträgen zitieren und damit die lebensnah die Situation aus der Sicht betroffener Frauen in unserer Region zu schildern. Dafür bitten wir um ihre Unterstützung.

Unsere Veranstaltung findet am 8. März um 15:30 Uhr im Sitzungssaal der Verbandsgemeinde Hachenburg statt. Dazu laden wir herzlich ein.

viel Arbeit – wenig Lohn für Frauen

Heute:
400-Euro-Jobs, befristete Arbeitsverhältnisse, Teilzeitarbeit (freiwillig oder unfreiwillig) – wer arbeitet zu diesen Bedingungen? Die Reinigungskraft, die Verkäuferin, Arzthelferin, Altenpflegerin, Friseurin, Zeitungsausträgerin, Küchenhelferin…..

40 Jahre später:
Altersarmut ist vorprogrammiert.
Das treibt uns um, das geht uns alle an.

Wir laden ein, persönliche Lebens- und Erfahrungsberichte niederzuschreiben.

das kluge Gretel

Es war eine Köchin, die hieß Gretel, die trug Schuhe mit roten Absätzen, und wenn sie damit ausging, so drehte sie sich hin und her, war ganz fröhlich und dachte: ,Du bist doch ein schönes Mädel.‘ Und wenn sie nach Haus kam, so trank sie aus Fröhlichkeit einen Schluck Wein, und weil der Wein auch Lust zum Essen macht, so versuchte sie das Beste, was sie kochte, so lang, bis sie satt war, und sprach: „Die Köchin muß wissen, wie’s Essen schmeckt.“

Da sagte der Herr einmal zu ihr: „Gretel, heut abend kommt ein Gast, richte mir zwei Hühner fein wohl zu.“ „Will’s schon machen Herr“, antwortete Gretel.

Nun stach’s die Hühner ab, brühte sie, rupfte sie, steckte sie an den Spieß und brachte sie zum Feuer, damit sie braten sollten. Die Hühner fingen an, braun und gar zu werden, aber der Gast war noch nicht gekommen. Da rief Gretel dem Herrn: „Kommt der Gast nicht, so muß ich die Hühner vom Feuer tun, ist aber jammerschade, wenn sie nicht bald gegessen werden, wo sie am besten im Saft sind.“ Sprach der Herr: „So will ich nur selbst laufen und den Gast holen.“ Als der Herr den Rücken gekehrt hatte, legte Gretel den Spieß mit den Hühnern beiseite und dachte: ,Solange da beim Feuer stehen, macht schwitzen und durstig, wer weiß, wann die kommen! Derweil spring‘ ich in den Keller und tue einen Schluck.‘ Lief hinab und sprach: „Gott gesegne’s dir, Gretel“, und tat einen guten Zug. “ Der Wein hängt aneinander“, weiter“, und ist nicht gut abbrechen“, und tat noch einen ernsthaften Zug. Nun ging es und stellte die Hühner wieder übers Feuer. Weil aber der Braten so gut roch, dachte Gretel: ,Es könnte etwas fehlen, versucht muß er werden!‘ schleckte mit dem Finger und sprach: „Ei, was sind die Hühner so gut! Ist ja Sünd‘ und Schand‘, daß man sie nicht gleich ißt!“ Lief zum Fenster, ob der Herr mit dem Gast noch nicht käm‘, aber es sah niemand; stellte sich wieder zu den Hühnern, dachte: ,Der eine Flügel verbrennt, besser ist’s, ich ess‘ ihn weg.‘ Also schnitt es ihn ab und aß ihn auf, und er schmeckte ihm; und wie es damit fertig war, dachte es: ,Der andere muß auch herab, sonst merkt der Herr, daß etwas fehlt.‘ Wie die zwei Flügel verzehrt waren, ging es wieder und schaute nach dem Herrn und sah ihn nicht. ,Wer weiß‘, fiel ihm ein, ,sie kommen wohl gar nicht und sind wo eingekehrt.‘ Da sprach’s: „Hei, Gretel, sei guter Dinge, das eine ist doch angegriffen, tu noch einen frischen Trunk und iß es vollends auf, wenn’s all ist, hast du Ruhe, warum soll die gute Gottesgabe umkommen?“ Also lief es noch einmal in den Keller, tat einen ehrbaren Trunk und aß das eine Huhn in aller Freudigkeit auf. Wie das eine Huhn hinunter war und der Herr noch immer nicht kam, sah Gretel das andere an und sprach: „Wo das eine ist, muß das andere auch sein, die zwei gehören zusammen; was dem einen recht ist, das ist dem andern billig; ich glaube, wenn ich noch einen Trunk tue, so sollte mir’s nicht schaden.“ Also tat es noch einen herzhaften Trunk und ließ das zweite Huhn wieder zum andern laufen. Wie es so im besten Essen war, kam der Herr dahergegangen und rief: „Eil dich, Gretel, der Gast kommt gleich nach.“

„Ja, Herr, will’s schon zurichten“, anwortete Gretel. Der Herr sah indessen, ob der Tisch wohl gedeckt war, nahm das große Messer, womit er die Hühner zerschneiden wollte, und wetzte es auf dem Gang. Indem kam der Gast, klopfte sittig und höflich an der Haustür. Gretel lief und schaute, wer da war, und als es den Gast sah, hielt es den Finger an den Mund und sprach: „still! Still! Macht geschwind, daß Ihr wieder fort kommt, wenn Euch mein Herr erwischt, so seid Ihr unglücklich; er hat Euch zwar zum Nachtessen eingeladen, aber er hat nichts anders im Sinn, als Euch die beiden Ohren abzuschneiden. Hört nur, wie er das Messer dazu wetzt.“ Der Gast hörte das Wetzen und eilte, was er konnte, die Stiegen wieder hinab. Gretel war nicht faul, lief schreiend zu dem Herrn und rief: „Da habt Ihr einen schönen Gast eingeladen!“

„Ei, warum, Gretel? Was meinst du damit?“

„Ja“, sagte es“,der hat mir beide Hühner, die ich eben auftragen wollte, von der Schüssel genommen und ist damit fortgelaufen.“

„Das ist eine feine Weise!“ sprach der Herr, und ward ihm leid um die schönen Hühner, „wenn er mir dann wenigstens das eine gelassen hätte, damit mir was zu essen geblieben wäre.“ Er rief ihm nach, er sollte bleiben, aber der Gast tat, als hörte er es nicht. Da lief er hinter ihm her, das Messer noch immer in der Hand, und schrie: „Nur eins! Nur eins!“ und meinte, der Gast sollte ihm nur ein Huhn lassen und nicht alle beide nehmen; der Gast aber meinte nicht anders, als er sollte eins von seinen Ohren hergeben, und lief, als wenn Feuer unter ihm brennen würde, damit er sie beide heimbrächte.

 
Gebrüder Grimm, KHM 077

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